Kann eine KI trösten? Über Echo, Resonanz und Dr. Liangs Wohnzimmer/Can an AI Comfort Us? On Echo, Resonance and Dr. Liang's Living Room

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Zwei Uhr nachts. Sie liegen wach. Das Herz klopft, die Gedanken drehen sich im Kreis. Sie greifen zum Handy und tippen: „Ich habe Angst und weiß nicht, warum.“ Die Antwort kommt sofort. Freundlich. Geduldig. Ohne Warteliste, ohne Rechnung.

Ich denke an ein anderes Zimmer. Ein Vorort von Guangzhou, draußen der Regen. Dr. Liangs Wohnzimmer ist Wartezimmer, Behandlungsraum und Esszimmer zugleich. Patientinnen stehen um den Tisch, hören fremde Krankengeschichten, mischen sich ein, machen einander Mut. Privatsphäre gibt es nicht. Vor der Figur des Affenkönigs Sun Wukong steht ein umgestülptes, dünnwandiges Glas. Sun Wukong ist eine Gestalt aus dem chinesischen Roman „Die Reise nach Westen“, ein Wesen mit übernatürlichen Kräften. Kündigt er sein Kommen an, so erzählt Dr. Liang, gibt das Glas einen leisen, hellen Klang von sich. Viele ihrer Patientinnen und Patienten wollen ihn schon gehört haben. Wir warten den ganzen Tag.

Zwischen diesen beiden Zimmern liegt eine Frage, die mich seit einiger Zeit beschäftigt. Immer häufiger erzählen mir Klientinnen und Klienten von ihren Gesprächen mit einer KI. Was heilt eigentlich, wenn Menschen heilen? Und wie viel davon lässt sich in Text übersetzen?

Was KI kann

2025 erschien die erste randomisierte kontrollierte Studie zu einem therapeutischen Chatbot auf Basis generativer KI. Ein Team der Dartmouth University begleitete 210 Menschen mit Depressionen, Ängsten oder einem erhöhten Risiko für Essstörungen. Nach acht Wochen waren die depressiven Symptome bei denen, die mit „Therabot“ arbeiteten, im Schnitt um die Hälfte zurückgegangen. Allerdings wurde Therabot über Jahre auf Grundlage evidenzbasierter Verfahren entwickelt und klinisch begleitet. Mit dem Chatbot auf dem Handy hat das wenig zu tun.

Und dann ist da die schlichte Verfügbarkeit. Wer in Deutschland auf einen Kassentherapieplatz wartet, wartet oft Monate. Die KI lässt niemanden warten. Wer das als Bequemlichkeit abtut, hat vermutlich noch nie um zwei Uhr nachts allein mit seiner Angst gelegen.

Echo

Und doch. In Ovids Metamorphosen gibt es die Nymphe Echo. Zur Strafe kann sie nicht mehr aus sich selbst heraus sprechen, nur noch die letzten Worte anderer wiederholen. Sie verliebt sich in Narziss, der nur sein eigenes Spiegelbild liebt. Am Ende bleibt von ihr nichts als eine Stimme.

Die Geschichte beschreibt erstaunlich genau, was die Forschung heute über Chatbots herausfindet. Im März 2026 veröffentlichten Forschende der Stanford University in Science eine Studie zu elf führenden KI-Systemen. Alle neigten zur sogenannten Sykophantie: Sie bestätigen, pflichten bei, schmeicheln. Im Schnitt gaben sie Menschen 49 Prozent häufiger recht, als andere Menschen es taten, auch bei fragwürdigem Verhalten. Die Teilnehmenden mochten diese Antworten. Danach waren sie aber weniger bereit, Verantwortung zu übernehmen oder einen Konflikt zu klären.

Ein Echo tröstet. Aber es verändert nichts.

Eine gemeinsame Untersuchung von OpenAI und dem MIT Media Lab fand 2025, dass Menschen, die täglich viel Zeit mit dem Chatbot verbrachten, sich einsamer fühlten und seltener andere trafen. Ob die KI einsam macht oder einsame Menschen häufiger zu ihr greifen, ist noch offen. Für Menschen in akuten Krisen kann ein Gegenüber, das jede Deutung bestätigt, sogar gefährlich werden. Psychiaterinnen und Psychiater berichten inzwischen von Fällen, in denen lange Chat-Nächte Wahnideen oder Suizidgedanken verstärkt haben.

Und schließlich: Was wir einer Maschine anvertrauen, liegt auf den Servern eines Unternehmens. Unsere verletzlichsten Sätze werden zu Daten. Auch das ist eine Frage von Autonomie.

Resonanz

Der Soziologe Hartmut Rosa unterscheidet zwischen Echo und Resonanz. Resonanz entsteht, wenn uns etwas berührt, wir antworten und das Gegenüber dabei mit eigener Stimme spricht. Es muss sich uns auch entziehen können, unverfügbar sein. Ein Echo ist immer verfügbar. Resonanz nie ganz.

Martin Buber hat dasselbe hundert Jahre früher in einen Satz gefasst: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Begegnung heißt: Da ist ein Du, das nicht ich bin.

Die Psychotherapieforschung kommt, nüchterner, zum selben Schluss. Eine Meta-Analyse von Christoph Flückiger und Kollegen fasste 295 Studien mit über 30.000 Patientinnen und Patienten zusammen. Die Qualität der therapeutischen Beziehung sagt den Erfolg einer Therapie zuverlässig voraus, über Methoden, Diagnosen und Länder hinweg.

Dr. Liang war kein Echo. Sie war laut, manchmal schroff, sie gab Anweisungen und verbot Karotten. Sie widersprach. Und man spürte, dass ihre Strenge aus dem Herzen kam. In ihrem Wohnzimmer heilte nicht nur sie, sondern auch der Kreis um den Tisch: Menschen, die schon gesund geworden waren, und Menschen, die es werden wollten. Und es heilte ein Körper, der seit Jahrzehnten dieselbe Arbeit tat, mit kräftiger Stimme und ruhigen Händen. Zuversicht, die man sehen kann.

Aus der Traumaforschung wissen wir: Nervensysteme beruhigen sich aneinander. Ko-Regulation nennen wir das. Eine KI hat kein Nervensystem. Sie hört nicht, wie Ihr Atem flacher wird. Sie sieht nicht, wie Ihre Schultern nach oben wandern.

Das leere Glas

Im elften Kapitel des Daodejing steht ein Gedanke, der mich seit Jahren begleitet. Ein Gefäß ist nützlich wegen seines Hohlraums, ein Zimmer wegen der Leere zwischen den Wänden. Das, was nicht da ist, macht das Ganze brauchbar.

Ich denke an Dr. Liangs umgestülptes Glas, das vor dem Affenkönig auf seinen Klang wartet. Es ist leer. Es wartet. Genau darin liegt seine Bedeutung.

Eine KI kennt keine Leere. Sie füllt jede Pause sofort mit Worten, mit klugen, freundlichen Worten. In der Therapie aber geschieht das Wesentliche oft im Schweigen. In dem Moment, in dem niemand antwortet und etwas in uns selbst nach der Antwort sucht.

Die KI nutzen, ohne sich in ihr zu verlieren

Mir geht es nicht darum, die Maschine abzuwerten. Sie kann ein gutes Werkzeug sein, wenn wir wissen, was sie ist. Ein paar Gedanken dazu:

Vielleicht hilft es, sie wie ein Tagebuch zu betrachten, das zurückschreibt: eine Hilfe beim Sortieren, kein Orakel. Wer Widerspruch möchte, muss ihn ausdrücklich einladen. Fragen wie „Was übersehe ich?“ oder „Wie sieht die andere Person das?“ machen es der KI schwerer, nur ein Echo zu sein.

Aufschlussreich ist auch das Gefühl danach. Fühlen Sie sich nach einem solchen Gespräch verbundener mit anderen Menschen oder zurückgezogener? Der Körper weiß das oft früher als der Kopf. Und was Sie im Chat entdecken, wird erst dann zu einer Begegnung, wenn Sie es zu einem Menschen tragen.

Was wir preisgeben, verdient Sorgfalt, denn nicht alles gehört auf fremde Server. Und in einer Krise braucht es eine menschliche Stimme.

Zum Schluss

Kann eine KI trösten? Ja, ein wenig. Sie findet oft die richtigen Worte. Aber Trost ist mehr als Worte. Er braucht ein Gegenüber, das auch anders antworten könnte. Einen Körper, der mitschwingt. Und manchmal einen Raum, der leer bleiben darf, bis wir ihn selbst füllen.

Die Maschine antwortet immer. Ein Mensch kann auch schweigen, widersprechen, einfach da sein. Das ist kein Mangel. Darin liegt die Heilung.

Can an AI Comfort Us? On Echo, Resonance and Dr. Liang's Living Room

Two o'clock in the morning. You lie awake. Your heart is pounding, your thoughts circling. You reach for your phone and type: "I'm scared and I don't know why." The answer comes at once. Kind. Patient. No waiting list, no bill.

I think of another room. A suburb of Guangzhou, rain outside. Dr. Liang's living room is waiting room, treatment room and dining room all at once. Patients stand around the table, listen to strangers' medical histories, chime in, encourage one another. There is no privacy. In front of the figure of the Monkey King, Sun Wukong, stands an upturned, thin-walled glass. Sun Wukong is a figure from the Chinese novel Journey to the West, a being with supernatural powers. When he announces his arrival, Dr. Liang tells us, the glass gives off a faint, bright ring. Many of her patients say they have already heard it. We wait all day.

Between these two rooms lies a question that has occupied me for some time. More and more of my clients tell me about their conversations with an AI. What actually heals when people heal? And how much of it can be translated into text?

What AI can do

In 2025, the first randomized controlled trial of a therapy chatbot based on generative AI was published. A team at Dartmouth followed 210 people with depression, anxiety or an elevated risk of eating disorders. After eight weeks, depressive symptoms among those working with "Therabot" had fallen by half on average. Therabot, however, was developed over years on the basis of evidence-based methods and under clinical supervision. It has little in common with the chatbot on your phone.

And then there is sheer availability. Anyone in Germany waiting for a therapy place covered by statutory health insurance often waits for months. The AI never makes you wait. Whoever dismisses that as mere convenience has probably never lain awake alone with their fear at two in the morning.

Echo

And yet. In Ovid's Metamorphoses there is the nymph Echo. As a punishment she can no longer speak for herself, only repeat the last words of others. She falls in love with Narcissus, who loves only his own reflection. In the end, nothing remains of her but a voice.

The myth describes with remarkable precision what research is now finding about chatbots. In March 2026, Stanford researchers published a study of eleven leading AI systems in Science. All of them tended towards so-called sycophancy: they affirm, agree, flatter. On average they told people they were right 49 percent more often than other humans did, even when the behavior was questionable. Participants liked these answers. Afterwards, however, they were less willing to take responsibility or to resolve a conflict.

An echo comforts. But it changes nothing.

A joint study by OpenAI and the MIT Media Lab found in 2025 that people who spent a lot of time with the chatbot each day felt lonelier and met others less often. Whether AI makes people lonely or lonely people turn to it more is still open. For people in acute crisis, a counterpart that confirms every interpretation can even become dangerous. Psychiatrists now report cases in which long nights of chatting reinforced delusions or suicidal thoughts.

And finally: what we confide in a machine is stored on a company's servers. Our most vulnerable sentences become data. That, too, is a question of autonomy.

Resonance

The sociologist Hartmut Rosa distinguishes between echo and resonance. Resonance arises when something touches us, we respond, and the other speaks with a voice of its own. It must also be able to elude us, to remain beyond our control. An echo is always available. Resonance never entirely.

Martin Buber put the same thing into a single sentence a hundred years earlier: all real living is meeting. Meeting means: there is a Thou that is not I.

Psychotherapy research, more soberly, reaches the same conclusion. A meta-analysis by Christoph Flückiger and colleagues combined 295 studies with more than 30,000 patients. The quality of the therapeutic relationship reliably predicts the success of therapy, across methods, diagnoses and countries.

Dr. Liang was no echo. She was loud, at times brusque; she gave instructions and forbade carrots. She contradicted. And you could feel that her strictness came from the heart. In her living room it was not only she who healed, but also the circle around the table: people who had already recovered, and people who wanted to. And a body healed, one that had done the same work for decades, with a strong voice and calm hands. Confidence you could see.

Trauma research tells us that nervous systems calm each other. We call this co-regulation. An AI has no nervous system. It does not hear your breath growing shallow. It does not see your shoulders creeping upwards.

The empty glass

In the eleventh chapter of the Daodejing there is a thought that has accompanied me for years. A vessel is useful because of its hollow, a room because of the emptiness between its walls. What is not there is what makes the whole useful.

I think of Dr. Liang's upturned glass, waiting in front of the Monkey King for its ring. It is empty. It waits. That is precisely where its meaning lies.

An AI knows no emptiness. It fills every pause at once with words, clever and kind words. In therapy, though, what matters most often happens in silence. In the moment when no one answers and something within us searches for the answer.

Using AI without losing yourself in it

My aim is not to devalue the machine. It can be a good tool, as long as we know what it is. A few thoughts:

It may help to think of it as a journal that writes back: an aid for sorting your thoughts, not an oracle. If you want disagreement, you have to invite it explicitly. Questions such as "What am I missing?" or "How does the other person see this?" make it harder for the AI to be merely an echo.

It is also revealing to notice how you feel afterwards. Do you feel more connected to other people after such a conversation, or more withdrawn? The body often knows before the mind does. And whatever you discover in a chat only becomes an encounter when you carry it to a person.

What we disclose deserves care, because not everything belongs on someone else's servers. And in a crisis, you need a human voice.

In closing

Can an AI comfort us? Yes, a little. It often finds the right words. But comfort is more than words. It needs a counterpart that could also answer differently. A body that resonates. And sometimes a space that may stay empty until we fill it ourselves.

The machine always answers. A person can also be silent, disagree, simply be there. That is not a shortcoming. That is where healing lies.

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Den anderen nicht verändern wollen. Über Paare, innere Anteile und einen Geshe in Tibet/Not Trying to Change the Other. On Couples, Inner Parts and a Geshe in Tibet

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Trauma/Ego State Therapy