Der Mönch, der zu Paaren gerufen wird
Vor kurzem war ich wieder in den tibetischen Gebieten. Dort kenne ich seit vielen Jahren einen Geshe. Geshe ist der höchste Gelehrtentitel der tibetisch-buddhistischen Klosterausbildung, erworben nach langen Jahren des Studiums von Philosophie, Logik und Meditation.
Diesmal erzählt er mir etwas, das ich nicht erwartet hätte. Manchmal wird er zu Paaren gerufen. Nicht zu Hochzeiten oder Segnungen, sondern in Notfällen. Wenn zwei Menschen sich trennen wollen. Oder wenn einer von beiden so verzweifelt ist, dass er nicht mehr leben möchte.
Was er dann tut? Er bringt keine Lösung mit. Er lädt beide ein, einen Schritt zurückzutreten und das Ganze aus etwas größerer Entfernung zu betrachten. Und er erinnert sie an Mitgefühl. Nicht nur mit sich selbst, sondern mit dem Menschen gegenüber, der in diesem Moment ebenso leidet.
Mein Handwerkszeug ist ein anderes. Es kommt aus der Psychotherapie, der Traumaarbeit, der Körperpsychotherapie. Und doch nicke ich, während er erzählt. Denn genau diesen Moment kenne ich aus meiner Arbeit mit Paaren: den Moment, in dem zwei Menschen aufhören, gegeneinander zu kämpfen, und beginnen, gemeinsam auf das zu schauen, was zwischen ihnen geschieht.
Wer streitet hier eigentlich?
Stellen Sie sich ein Paar vor. Die eine Person wirft der anderen vor, nie wirklich da zu sein. Die andere hält dagegen, ihr bleibe keine Luft zum Atmen. Der Streit ist alt, die Sätze sind abgenutzt, beide kennen den Text auswendig.
In der Ego-State-Arbeit, über die ich hier schon geschrieben habe, gehen wir davon aus, dass unsere Persönlichkeit aus verschiedenen inneren Anteilen besteht. Viele davon sind in frühen, schwierigen Momenten entstanden, um uns zu schützen. Im Paarkonflikt zeigt sich etwas Erstaunliches: Oft sprechen gar nicht zwei Erwachsene miteinander. Es sprechen zwei Anteile.
Da ist vielleicht ein sehr junger Anteil, der Angst hat, verlassen zu werden, und deshalb lauter wird. Und auf der anderen Seite ein Anteil, der früh gelernt hat, sich zurückzuziehen, um nicht überflutet zu werden. Je lauter der eine, desto stiller der andere. Je stiller der andere, desto lauter der eine. Ein Kreislauf, den keiner von beiden bewusst gewählt hat.
Wenn ein Paar das zu sehen beginnt, verändert sich etwas Grundlegendes. Hinter dem Vorwurf wird das Bedürfnis sichtbar, hinter dem Rückzug die Angst. Empathie heißt dann nicht mehr: „Ich verstehe, was du sagst.“ Sondern: „Ich sehe, welcher Teil von dir gerade spricht und was er braucht.“ Das ist eine andere, tiefere Art, sich in den anderen hineinzuversetzen.
Und es ist genau das, was der Geshe mit dem Zurücktreten meint. Wer einen Schritt zurücktritt, sieht nicht mehr nur den Angriff. Er sieht den Menschen, der angreift, und das, was ihn dazu bringt.
Zwei Nervensysteme in einem Raum
Ein Paar ist nicht nur eine Beziehung zwischen zwei Köpfen. Es ist auch eine Beziehung zwischen zwei Nervensystemen.
Der Neurowissenschaftler James Coan hat das 2006 eindrucksvoll gezeigt. Verheiratete Frauen lagen im Hirnscanner und wussten, dass ihnen ein leichter Stromschlag drohen könnte. Hielten sie dabei die Hand ihres Partners, sank die Aktivität in den Hirnregionen, die auf Bedrohung reagieren, deutlich. Die Hand eines Fremden half nur wenig. Und je besser die Beziehung, desto stärker die Beruhigung.
Wir regulieren einander. Im Guten wie im Schlechten. Im Streit eskalieren oft zwei Nervensysteme gemeinsam: Der Puls steigt, der Blick wird eng, der Körper schaltet auf Kampf oder Flucht. In diesem Zustand ist echtes Zuhören kaum möglich, egal wie viel Liebe da ist.
Deshalb beginnt Paartherapie für mich oft nicht beim Gespräch, sondern beim Körper. Beim Atem. Bei der Frage: Was passiert gerade in Ihnen, während der Mensch Ihnen gegenüber spricht? Erst wenn sich beide Nervensysteme ein Stück beruhigt haben, wird Verstehen möglich. Auch das ist eine Form des Zurücktretens.
Den anderen nicht verändern wollen
Viele Paare kommen mit einer stillen Hoffnung in die Therapie: Wenn der andere sich nur endlich ändern würde, wäre alles gut. Ich verstehe diese Hoffnung. Aber ich teile sie nicht.
Der Paarforscher John Gottman hat über Jahrzehnte Tausende Paare beobachtet. Eines seiner bekanntesten Ergebnisse: Rund 69 Prozent der Konflikte in Beziehungen sind dauerhaft. Sie wurzeln in unterschiedlichen Persönlichkeiten, Werten und Lebensentwürfen und lassen sich nicht einfach lösen. Als Gottman Paare Jahre später erneut befragte, stritten viele noch über dieselben Themen, oft sogar mit denselben Worten. Der Unterschied zwischen glücklichen und unglücklichen Paaren lag nicht darin, ob sie solche Konflikte hatten. Sondern darin, wie sie mit ihnen umgingen.
Das ist eine entlastende Erkenntnis. Es geht nicht darum, den anderen zu verändern. Es geht darum, ihn zu verstehen und den Unterschied auszuhalten.
Dazu gehört Respekt. Respekt vor dem Menschen gegenüber, aber auch vor seinem Leben: vor seiner Geschichte, seinen Verletzungen, seinen Träumen, die nicht meine sein müssen. Jede und jeder in einer Partnerschaft hat einen eigenen Weg. Und darf ihn gehen.
Manchmal führen diese Wege weiter nebeneinander her. Manchmal trennen sie sich. Auch das kann ein Ergebnis von Paartherapie sein, wenn es mit Respekt und Mitgefühl geschieht.
Yin und Yang, richtig verstanden
Im Westen wird Yin und Yang gern romantisch gelesen: Zwei Hälften, die sich zu einem Ganzen ergänzen. Die eine Person ist das eine, die andere das andere, und erst zusammen sind sie vollständig. In der chinesischen Philosophie und Medizin ist damit etwas ganz anderes gemeint.
Yin und Yang sind keine Eigenschaften von Personen, sondern Aspekte von Prozessen. Nichts ist an sich Yin oder Yang, nur im Verhältnis zu etwas anderem. Beide bedingen einander, nehmen zu und ab, und sie wandeln sich ineinander. Der Tag wird zur Nacht, die Nacht zum Tag. Was ins Extrem geht, kippt in sein Gegenteil. Und jeder Mensch trägt beides in sich, in ständiger Bewegung.
Für Paare ist das ein befreiender Gedanke. Niemand muss die fehlende Hälfte eines anderen Menschen sein. Jede und jeder ist ein eigenes, lebendiges Gleichgewicht. Und eine Beziehung ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Nähe und Rückzug wechseln einander ab. Zu viel Nähe weckt die Sehnsucht nach Raum, zu viel Raum die Sehnsucht nach Nähe. Das ist kein Scheitern. Das ist Bewegung.
Vielleicht liegt hier das eigentliche Ziel: zusammen zu wachsen und jeder für sich. Und den anderen in seinem Wachstum zu unterstützen, auch wenn es in eine Richtung geht, die man selbst nicht gewählt hätte.
Eine kleine Übung für Paare
Wählen Sie einen ruhigen Moment nach einem Streit, nicht mitten darin. Setzen Sie sich einander gegenüber. Nehmen Sie beide einige Atemzüge, spüren Sie Ihre Füße auf dem Boden und lassen Sie die Schultern sinken.
Fragen Sie sich zuerst jeweils still: Welcher Teil von mir hat vorhin gesprochen? Wie alt fühlt er sich an? Und was hat er eigentlich gebraucht?
Dann teilt eine Person einen einzigen Satz, etwa so: „Da hat ein Teil in mir gesprochen, der Angst hatte, nicht wichtig zu sein. Er hätte gebraucht, dass du mich ansiehst.“ Die andere Person hört zu, ohne zu erklären oder sich zu verteidigen. Danach wechseln Sie.
Zum Schluss schauen Sie gemeinsam auf das Muster: Wie greifen Ihre beiden Anteile ineinander? Was löst der eine beim anderen aus? Schon dieses Erkennen schafft oft den Abstand, von dem der Geshe spricht.
Not Trying to Change the Other. On Couples, Inner Parts and a Geshe in Tibet
The monk who is called to couples
Recently I was back in the Tibetan regions. I have known a Geshe there for many years. Geshe is the highest scholarly title of Tibetan Buddhist monastic education, earned after long years of studying philosophy, logic and meditation.
This time he tells me something I would not have expected. Sometimes he is called to couples. Not for weddings or blessings, but in emergencies. When two people want to separate. Or when one of them is so desperate that they no longer want to live.
What does he do then? He does not bring a solution. He invites both to take a step back and look at the whole from a little further away. And he reminds them of compassion. Not only for themselves, but for the person opposite, who is suffering just as much in this moment.
My tools are different. They come from psychotherapy, trauma work and body psychotherapy. And yet I find myself nodding as he speaks. Because I know this very moment from my work with couples: the moment when two people stop fighting each other and begin to look together at what is happening between them.
Who is actually fighting here?
Imagine a couple. One person accuses the other of never really being there. The other replies that there is no room left to breathe. The argument is old, the sentences worn, both know the script by heart.
In Ego State work, which I have written about here before, we assume that our personality consists of different inner parts. Many of them formed in early, difficult moments to protect us. In couple conflict, something remarkable becomes visible: often it is not two adults talking to each other. It is two parts.
There may be a very young part that is afraid of being abandoned and therefore grows louder. And on the other side a part that learned early to withdraw so as not to be overwhelmed. The louder the one, the quieter the other. The quieter the other, the louder the one. A cycle neither of them consciously chose.
When a couple begins to see this, something fundamental shifts. Behind the reproach, the need becomes visible; behind the withdrawal, the fear. Empathy then no longer means "I understand what you are saying", but "I see which part of you is speaking right now and what it needs." That is a different, deeper way of putting yourself in the other's place.
And it is exactly what the Geshe means by stepping back. Whoever steps back no longer sees only the attack. They see the person who is attacking, and what drives them to it.
Two nervous systems in one room
A couple is not only a relationship between two minds. It is also a relationship between two nervous systems.
The neuroscientist James Coan demonstrated this strikingly in 2006. Married women lay in a brain scanner, knowing that a mild electric shock might follow. When they held their partner's hand, activity in the brain regions that respond to threat dropped markedly. A stranger's hand helped only a little. And the better the relationship, the stronger the calming effect.
We regulate each other, for better and for worse. In an argument, two nervous systems often escalate together: the pulse rises, the gaze narrows, the body switches to fight or flight. In this state, real listening is hardly possible, no matter how much love there is.
This is why couples therapy, for me, often begins not with talking but with the body. With the breath. With the question: what is happening inside you while the person opposite you is speaking? Only when both nervous systems have calmed a little does understanding become possible. That, too, is a form of stepping back.
Not trying to change the other
Many couples come to therapy with a quiet hope: if only the other would finally change, everything would be fine. I understand this hope. But I do not share it.
The couples researcher John Gottman observed thousands of couples over decades. One of his best-known findings: around 69 percent of conflicts in relationships are perpetual. They are rooted in different personalities, values and ways of life, and cannot simply be solved. When Gottman spoke to couples again years later, many were still arguing about the same issues, often in the very same words. The difference between happy and unhappy couples was not whether they had such conflicts, but how they dealt with them.
This is a relieving insight. It is not about changing the other. It is about understanding them and bearing the difference.
This requires respect. Respect for the person opposite, but also for their life: for their history, their wounds, their dreams, which need not be mine. Each person in a partnership has their own path. And may walk it.
Sometimes these paths continue side by side. Sometimes they part. That, too, can be an outcome of couples therapy, if it happens with respect and compassion.
Yin and Yang, properly understood
In the West, Yin and Yang is often read romantically: two halves that complete each other into a whole. One person is one half, the other is the other, and only together are they complete. In Chinese philosophy and medicine, it means something quite different.
Yin and Yang are not qualities of people but aspects of processes. Nothing is Yin or Yang in itself, only in relation to something else. They depend on each other, wax and wane, and transform into one another. Day becomes night, night becomes day. What goes to the extreme turns into its opposite. And every person carries both, in constant motion.
For couples, this is a liberating thought. No one has to be the missing half of anyone else. Each person is their own living balance. And a relationship is not a state but a process. Closeness and withdrawal alternate. Too much closeness awakens the longing for space, too much space the longing for closeness. That is not failure. That is movement.
Perhaps this is the real goal: to grow together and each on their own. And to support the other in their growth, even when it leads in a direction one would not have chosen oneself.
A small exercise for couples
Choose a calm moment after an argument, not in the middle of it. Sit facing each other. Both of you take a few breaths, feel your feet on the floor and let your shoulders drop.
First, each of you asks silently: which part of me was speaking earlier? How old does it feel? And what did it actually need?
Then one person shares a single sentence, for example: "A part of me was speaking that was afraid of not mattering. It would have needed you to look at me." The other person listens without explaining or defending themselves. Then you switch.
Finally, look at the pattern together: how do your two parts interlock? What does one set off in the other? Simply recognizing this often creates the distance the Geshe speaks of.